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Übung im Zehnfingersystem: "Das Lämmchen" Christoph von Schmid
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Übung im Zehnfingersystem: "Das Lämmchen" Christoph von Schmid
An dem goldgestickten Halsbändchen, mit dem das Lämmchen geschmückt war, hatte die Frau von Waldheim entdeckt, dass Rosalie eine sehr geschickte Stickerin war. Rosalie hatte aber diese Kunst, weil dergleichen Arbeiten in dem Dorfe nicht geschätzt wurden, lange nicht mehr geübt, und sich bloß auf das Stricken und Nähen verlegt. Frau von Waldheim gab ihr nun manches zu verdienen, und verschaffte ihr auch anderwärts her Bestellungen. Die arme Rosalie fand auf diese Art nicht nur ihr hinreichendes Auskommen, sondern überdies noch öfteren Zutritt in das Schloss.
Frau von Waldheim hatte anfangs sich Rosaliens nur aus Mitleid angenommen; allein so wie sie dieselbe näher kennen lernte, verwandelte sich dieses Mitleid nach und nach in Hochachtung. Sie fand an dem Umgange mit ihr immer mehr Vergnügen. Man wunderte sich, dass eine adelige Dame, die Gemahlin eines Stabsoffiziers, mit einer armen Soldatenwitwe Freundschaft machen möge. Allein Frau von Waldheim sagte lächelnd: "Nun, Ihr werdet doch nicht behaupten, mein seliger Mann, der tapfre Major, sei kein Soldat gewesen? Doch im Ernste! Eben dieses, dass auch ihr Mann zum Militär gehörte, und wie der Meinige den Tod für das Vaterland starb, diente ihr bei mir zur Empfehlung. Die Ähnlichkeit unsrer Schicksale vermehrte meine Zuneigung zu ihr. Sie ist Witwe, wie ich, musste vieles leiden, wie ich, hat wie ich nur eine einzige Tochter. Unsre Töchter sind von gleichem Alter, und lieben einander herzlich - und wenn meine Emilie so gut und edel ist als ihre Christine, und Emiliens Mutter so gut und edel als Christinens Mutter, so will ich es gerne zufrieden sein. Die äußerlichen Verhältnisse weisen dem Menschen allerdings seinen Rang in der menschlichen Gesellschaft an; allein nur ein wahrhaft gutes edles Herz macht den wahren Wert des Menschen aus. Diese arme Soldatenwitwe ist so bescheiden, so sanft, so rechtschaffen, so durch Leiden bewährt, so von Herzen fromm, und dabei so verständig und gebildet, dass ich dadurch mich geehrt fühle, sie meine Freundin zu nennen."
Frau von Waldheim zeichnete auch ihre arme Freundin immer mehr aus. Sie kam jeden Sonntag von dem Schlosse in das Dorf herab zur Kirche, und da ging sie nach dem Gottesdienste nie an Rosaliens armer Wohnung vorüber, ohne wenigstens auf einige Augenblicke einzukehren. Sie gab Christinen, die täglich in das Schloss kam, öfter auf, ihre Mutter mitzubringen, und bald mussten beide alle Tage nach Tische in das Schloss kommen. Die gnädige Frau und das Fräulein, Rosalie und Christine saßen dann zusammen an einem Arbeitstische, und beschäftigten sich einige Stunden sehr emsig mit allerlei schönen Arbeiten. Rosalie musste hierauf mit der gnädigen Frau Tee trinken, und Christine mit Emilien ein Butterbrot essen. Auf den Abend machten sie gewöhnlich alle zusammen noch einen kleinen Spaziergang.
Einmal an einem schönen Sommerabend gingen sie nun miteinander in den Eichwald, der sich am Abhange des Schlossberges herumzog. Mehrere schattichte Gänge, die mit reinlichem Kiese bestreut waren, führten durch den Wald, und hie und da war eine bequeme Bank zum Ausruhen angebracht. Der Tag war sehr heiß gewesen und noch war es ziemlich schwül. Die Frau von Waldheim setzte sich daher mit ihrer Begleiterin Rosalie auf eine steinerne Bank, die in einen Felsen des Berges eingehauen und von einem Paar Eichen beschattet war. Das Plätzchen war, wegen der herrlichen Aussicht, die man hier genoss, ihr Lieblingsplätzchen.
Emilie und Christine gingen noch eine Strecke weiter, und jede trug ein niedliches Körbchen am Arme. Es war gerade die Zeit der Himbeeren, und Emilie hätte deren schon lange selbst gerne im Walde gepflückt. Christine führte sie zu einer ausgehauenen Stelle des Waldes, die beinahe ganz mit Himbeersträuchen bedeckt war. Beide Mädchen pflückten nun sehr geschäftig und ließen sich die duftenden Beeren sehr wohl schmecken. Bald rief diese, bald jene, hier gebe es noch schönere. Die allerschönsten taten sie aber in ihre Körbchen, um sie Emiliens Mutter zu bringen. Das Lämmchen, das sie mitgenommen hatten, lief indes auf dem offenen Platze herum, graste hier ein wenig, nagte dort an den Blättern der Gesträuche, und hatte sich nach und nach ziemlich weit von ihnen entfernt.
Da bemerkte Emilie auf einmal einen fremden Jüngling, der das Lämmchen streichelte und das Halsband desselben sehr aufmerksam betrachtete. Emilie und Christine eilten sogleich hin, denn sie fürchteten, er wolle das Halsband oder gar das Lämmchen mit sich fortnehmen. Der Jüngling blickte, als er sie kommen hörte, auf. Er war sehr schön und blühend von Angesicht und hatte ein dunkelgrünes Sommerkleid an und einen runden Kastorhut auf. Er schien bis zu Tränen gerührt, und blickte Emilien mit einer Art von Erstaunen und Verwunderung an. Endlich nahm er mit seiner Rechten ehrerbietig den Hut ab; in seiner Linken aber hielt er - was Emilien äußerst seltsam vorkam - einen goldenen Ring.